Vielleicht
kann der dreijährige Aylan Kurdi die ganze Menschheit wütend
machen. Vielleicht kann ein totes Flüchtlingskind diese Schranken
einreissen, die drinnen von draussen trennen. Aylan, dessen
Oberkörper auf der einen, dessen Beine auf der anderen Seite dieser
Linie zwischen den Fliehend-Anklopfenden und den Ruhig-Eingenisteten
lagen.

Wo
keine natürlichen Grenzen sind, baut Europa gegen die Flüchtlinge
derzeit zwar künstliche. Aber es ist womöglich das letzte Aufbäumen
gegen die Geschichte. Grenzen sind ein Relikt des 20. Jahrhunderts.
Die Wirtschaft denkt global, wir kommunizieren um die Welt, wenn wir
genügend Geld haben, fahren wir, wohin immer wir wollen. Menschen
investieren heute in eine indische Stahlschmiede, morgen in einen
baden-württembergischen Maschinenbauer, danach in ein kanadisches
Solarprojekt. Politische Systeme sind dabei egal. Eine
Parteiendiktatur macht ein Softwareunternehmen nicht unattraktiv, ein
Militärmachthaber unterbindet keine Bauinvestition, ein
autokratisches Königshaus hält nicht von Waffenlieferungen ab.

Dem
werden Menschen folgen. Bald werden sie genauso uneingeschränkt
international agieren. Alle. Nicht nur diejenigen, die es sich heute
leisten können, sondern auch die, die nichts haben ausser ihr Hemd
am Leib. Auch ihnen ist das System der Orte, an die sie wollen,
sicher egal. Sie wissen nur, dass es dort allemal besser sein wird.
Der Mensch ist wie Wasser, er sucht sich den Weg. Es ist sein Drang
hin zum besseren. Wir sehen es heute. Es fährt kein Zug von Budapest
nach Wien? Die Flüchtlinge laufen. Dreihundert Kilometer,
vierhundert? Egal.

Zurzeit
stehen da zwar noch harte Linien im Weg. Aber sie werden weich. Da
können die Donald Trumps, Tony Abbotts und Viktor Orbans dieser Welt
noch so hohe Zäune bauen. Noch ist ihnen das Hemd zwar näher als
der Rock. Doch mit der angeblichen Verteidigung ihrer eigenen,
alternden, demografisch nicht zukunftsfähigen Bevölkerung werden
sie sich nicht gegen den Lauf der Welt stemmen können. Die Zaunbauer
zählen darauf, dass der Mensch des Menschen Wolf bleibt, dass Teile
der eigenen Bevölkerung Ressentiments oder Überdruss oder
vermeintliche Angst haben, ja, sie zählen auch auf Rassismus.

Aber
die Mehrheit ist anders. Sie weiss, was es heisst, frei zu sein und
sich entfalten zu können. Und sie gönnt es denjenigen, denen es bisher
nicht möglich war. Hilfsbereit, aufnahmefähig, «Refugees welcome»
nicht nur als Floskel, sondern als Dogma. Europa als Gated Community
wird der Vergangenheit angehören. Nicht morgen oder übermorgen.
Aber bald.